Wie alles begann: Ein Leserbrief verändert die öffentliche Wahrnehmung
Im April 1968 erschien im renommierten New England Journal of Medicine ein kurzer Leserbrief des Arztes Robert Ho Man Kwok. Er beschrieb, dass er nach dem Essen in chinesischen Restaurants manchmal Taubheitsgefühle, Herzklopfen und allgemeine Schwäche verspürte, und spekulierte, MSG könnte die Ursache sein.
Dieser Brief – ursprünglich als persönliche Beobachtung formuliert, nicht als wissenschaftliche Studie – löste eine jahrzehntelange Debatte aus und prägte das Bild von MSG in der westlichen Öffentlichkeit nachhaltig.
Was ist das „Chinarestaurant-Syndrom"?
Das Chinarestaurant-Syndrom (CRS) bezeichnet eine Reihe von Symptomen, die nach dem Verzehr von Speisen in chinesischen Restaurants auftreten sollen:
- Kopfschmerzen
- Taubheitsgefühl oder Kribbeln (besonders im Nackenbereich)
- Hitzegefühl und Hautrötung
- Herzklopfen
- Übelkeit
- Allgemeine Schwäche
Als Hauptverursacher wurde MSG identifiziert – eine Annahme, die bis heute in Teilen der Öffentlichkeit verbreitet ist.
Die wissenschaftliche Untersuchung: Doppelblindstudien
Die entscheidende Frage ist: Lassen sich diese Symptome in kontrollierten Studien reproduzieren? Seit den 1970er Jahren wurden dazu zahlreiche Doppelblindstudien durchgeführt.
Methodik kontrollierter Studien
In gut konzipierten Studien bekommen Probanden entweder eine MSG-haltige oder eine identisch aussehende und schmeckende Placebo-Kapsel oder -Speise. Weder Probanden noch Versuchsleiter wissen, wer was erhält. Nur so lässt sich ein Nocebo-Effekt (Beschwerden durch Erwartungshaltung) ausschließen.
Was die Forschung zeigt
Die Ergebnisse dieser Studien sind konsistent:
- Probanden, die angeben, MSG-empfindlich zu sein, reagieren in Blindtests nicht häufiger auf MSG als auf Placebo.
- Wenn Symptome auftreten, tun sie es sowohl bei MSG als auch bei Placebo in ähnlicher Häufigkeit.
- Eine reproduzierbare Dosis-Wirkungs-Beziehung – ein grundlegendes Kriterium für Kausalität – konnte nicht nachgewiesen werden.
Mögliche tatsächliche Ursachen der Beschwerden
Wenn nicht MSG – was erklärt dann die von manchen Menschen erlebten Beschwerden nach Restaurantbesuchen? Mögliche Faktoren:
- Salz: Chinesische Restaurantküche ist traditionell salzreich. Hohe Natriumaufnahme kann Blutdruckeffekte und allgemeines Unwohlsein auslösen.
- Übermäßiges Essen: Große Portionen und kalorienreiche Mahlzeiten können Verdauungsbeschwerden verursachen.
- Histamin: Fermentierte Soßen und bestimmte Meeresfrüchte können histaminreich sein.
- Nocebo-Effekt: Die Erwartung, krank zu werden, kann Symptome hervorrufen.
- Alkohol: Wird in vielen Restaurantsituationen konsumiert und kann viele der beschriebenen Symptome verursachen.
Der Begriff im Wandel
Die moderne Medizin verwendet den Begriff „Chinarestaurant-Syndrom" kaum noch. Die American Medical Association und andere Fachgesellschaften sehen keine ausreichende wissenschaftliche Basis für MSG als Verursacher. Der Begriff gilt mittlerweile auch als kulturell problematisch, da er chinesische Küche zu Unrecht stigmatisiert.
Fazit: Legende trifft Wissenschaft
Das Chinarestaurant-Syndrom ist ein lehrreiches Beispiel dafür, wie ein einzelner, unkritisch rezipierter Bericht einen Mythos begründen kann, der sich jahrzehntelang hält – auch gegen die Evidenz. Die Wissenschaft ist klar: Ein kausaler Zusammenhang zwischen MSG in üblichen Nahrungsmengen und den beschriebenen Symptomen ist nicht belegt. Wer nach dem Restaurantbesuch Beschwerden verspürt, sollte eher andere Faktoren in Betracht ziehen.